Sind Telefonsex Gespräche echt?

Telefonsex, für den man nachts im Fernsehgerät Werbung sieht, wird von mehr Männern genutzt, als man es sich denken möge. Auch, wenn viele es nicht zugeben, gibt es kaum einen Mann, der noch nie mit einer wildfremden Frau über eine so genannte Line erotische Gespräche geführt hat. Telefonerotik ist ein knallhartes Geschäft, dass fast ausschließlich Profis beschäftigt. Ich habe mit einer professionellen Frau gesprochen, die gut zwei Jahrzehnte in diesem Metier beruflich tätig und eine der ersten Frauen überhaupt war, die ihre Stimme zu Geld verwandelten. Erst war sie Telefonsexdame, später dann Coach und Ausbilderin für den Nachwuchs. Ihr Name, ihr Alter, ihr Wohnort – das alles spielt keine Rolle. Denn mit den Antworten auf die Interviewfragen macht sie sich in der Szene wahrlich keine Freunde, weil Abzocke zum Tagesgeschäft gehört und die Bezeichnung „Kunden melken“ nicht auf die Ejakulation der Männer gemünzt ist. Hier nun das Interview – Teil 1.

Wie kamen Sie dazu, Telefonsex anzubieten?

„Ich suchte einen gut bezahlten Job in Heimarbeit!“

Eigentlich war es Langeweile und Zufall. Ich suchte einen Job. Er sollte nicht irgendwo in einem Büro sein, sondern von zuhause aus wollte ich arbeiten. In einer regionalen Wochenzeitung stand eine Ausschreibung. „Verdienen Sie Geld durch Flirten!„. Ich rief dort an, um mehr zu erfahren. Man lud mich in ein Hotel ein, in dem es eine Infoveranstaltung gab. Das Hotel war seriös, also ging ich mit einer Freundin zu dieser Veranstaltung. Das ist jetzt über 20 Jahre her. Das Ambiente war absolut gehoben und erweckte einen anständigen Eindruck. Zwei Frauen um die 30 Jahre leiteten die Veranstaltung, bei der circa 150 interessierte Damen zu Gast waren. Alles war locker. Keine der Frauen sah aus, als ob sie sich dem horizontalen Gewerbe angeschlossen hätten. Es waren viele Alleinerziehende. Die meisten von uns waren sogar ziemlich spießig. Teils verklemmt. Keine dabei, die sich für Männer hergeben würde. Alle suchten halt nach einer Gelegenheit, arbeiten und Geld verdienen zu können. Die meisten, um nicht dem Staat auf der Tasche zu liegen. Auch, wenn Telefonerotik damals noch völlig verpönt war, war das alles wirklich sehr seriös und die Frauen, die sich interessierten, hatten meiner Meinung nach ehrbare Absichten. Mit Anschaffen gehen hat das für mich nichts zu tun. Es ging zunächst nur um Telefonflirts. Da gab es noch nicht einmal eine Verpflichtung, sich als Telefonsexdame anzubieten. Sexgespräche konnten abgelehnt werden und waren in den ersten Jahren auch noch die Minderheit.

Was erzählte man auf dieser Veranstaltung?

„Gute Bezahlung und bequemer Arbeitsplatz bei freier Zeiteinteilung!“

Das war wirklich alles sehr locker. Nichts schmuddeliges oder so. Die beiden Referentinnen waren sympathisch. Eben echte Geschäftsfrauen. Sie stellten uns ein gut funktionierendes Geschäftsmodell vor. Spaßeshalber sage eine

Jede Frau, die nicht mit ihrer Stimme ihr Geld verdient, ist blöd!

Das empfanden wir nicht als Beleidigung oder Provokation. Für viele der Frauen war der Job als Telefonistin auf einer Flirtline einfach eine gute Lösung. Es war die Zeit, wo es immer mehr alleinerziehende Mütter gab. Die hatten es damals und haben es heute nicht leicht. Sie bekommen oft keinen Unterhalt und haben es schwer, einen Job zu finden und dann auch noch alles unter einen Hut zu bringen. Wenn sie früher von Sozialhilfe lebten oder heute von Hartz-4, dann ist man sozial geächtet und gebrandmarkt. Die Frauen, die bei der Veranstaltung waren, wollten das nicht. Sie suchten Arbeit, mit der man sich trotzdem auch um die Familie kümmern konnte. Man versprach uns wirklich nicht zu viel. Das Flirten auf einer Line und Telefonsex wird fast immer von zuhause gemacht. Morgens, wenn die Kinder in Kita oder Schule sind und abends, wenn alle im Bett sind. Dann beginnt für die professionelle Flirterin oder für die Telefonsexdame ihre Arbeitszeit. Tagsüber hat man viel mehr Zeit als andere Mütter. Und man verdiente damals wirklich gut durch Telefonflirts und erotische Gespräche.

„In den ersten Jahren wollten Männer normale Gespräche und eine Frau für´s Leben finden!“

Bei der Informationsveranstaltung wurde gleich klar gemacht, dass die meisten Männer ein reales Treffen wünschen, aber man sich niemals darauf einlassen sollte. Zum Schutz der Telefonistinnen. Uns wurde auch zugesagt und später auch vertraglich geregelt, dass keine Frau Telefonsex machen muss, wenn sie das nicht tun wollte. Vielmehr ging es darum, auch für die Männer eine Auswahl unterschiedlicher Damen zum Flirten zu schaffen. Es handelte sich um eine Plattform, die Karussell anbot. Jeder Mann und jede Frau konnte, ähnlich wie bei einem Anrufbeantworter, eine persönliche Nachricht aussprechen und dann ausgewählt werden. Uns wurde zu verstehen gegeben, dass jede, die mal in den Beruf reinschnuppern will, dies unverbindlich tun kann. Ohne jedes Risiko. Meine Freundin und ich nahmen an.

Wie war Ihr erstes Mal?

„Die ersten Agenturen waren absolut seriös – dies hat sich im Laufe der Zeit gewandelt!“

Bevor ich Gespräche selbst führte, bekam ich Unterlagen zur Information. Das waren ein paar Blätter. Das Telefonsystem wurde erklärt. Über die Tasten am Telefon konnten verschiedene Aktionen durchgeführt werden. Es gaben weitere Info-Blätter wie z. B.

  • Gesetzliche Regelungen – was ist erlaubt, was nicht.
  • Eigenschutz – warum man sich niemals auf ein Treffen einigen soll, warum man keine persönlichen Daten an die Männer herausgeben soll
  • Auffällige Gesprächspartner – wie man vorgehen soll, wenn jemand Suizid ankündigt, ein Verbrechen gesteht oder ankündigt
  • Tipps & Tricks – wie man Flirt- und erotische Gespräche führt, wie man mit unangenehmen Gesprächspartnern umgeht
  • Vergütungstabelle

Mit diesem Infopaket waren die wichtigsten Fragen abgedeckt. Ich fand es sehr hilfreich und auch sehr seriös, dass es rund um die Uhr persönliche Ansprechpartner für uns gab. Die Richtlinien, was man im Rahmen eines Telefonats darf und nicht darf waren absolut notwendig. Leider gab vereinzelt auch mal Anrufer, die eindeutig pädophile Neigungen offen ansprachen. Wir waren gehalten, solche Gespräche sofort zu beenden und sofort den Kunden zu melden. Dies galt auch für Vergewaltigungsszenarien. Unsere Agentur legte absolut großen Wert darauf, dass niemals Telefonate in dieser Richtung geführt wurden. Würde eine Frau bei einem solchen Telefonat erwischt, dass nicht unverzüglich abgebrochen wird, würde man sofort gekündigt.  Außerdem wurden solche Männer dann direkt über die Telefonanlage gesperrt – soweit dies technisch möglich war. Außerdem hatte jede Flirterin und jede Telefonsexdame stets die Entscheidung darüber, ob sie ein Telefonat weiterführt oder doch einen anderen Gesprächspartner bevorzugt, wenn z. B. ein Mann auf SM steht, die Frau aber nicht. Es war wirklich total locker und hatte seinerzeit nichts mit der Abzocke zu tun, die heute betrieben wird.

„Wir wurden sehr gut betreut und bekamen jederzeit Hilfe. Wir hatten direkte Ansprechpartner!“

Bevor ich erste Gespräche führen durfte, bekam ich mehrfach Gelegenheit, erfahrenen Telefonistinnen zuzuhören. Im Anschluss an jedes Flirt- oder Telefonsexgespräch konnte man mit der Telefonistin sprechen, ihr Fragen stellen usw. Bei meinen ersten Calls konnte ich auswählen, ob eine erfahrene Callerin zuhörte. Das bot die Option, die Gespräche nochmals Revue passieren zu lassen und Tipps für bessere Gesprächsverläufe zu bekommen. Die ersten paar Kunden waren schnell hinter mich gebracht. Damals war es noch überwiegend eine Flirtline. Sexgespräche fanden gar nicht so oft statt. Die Telefonflirts waren sehr einfach. Man muss sich als Frau nur verbal gut zu verkaufen wissen. Klar, man verstellt die Stimme. Man beschreibt sich attraktiver, wie man aussieht. Man gibt, wenn die Calls in diese Richtung gehen, sich auch in sexueller Hinsicht anders, als man es vielleicht selbst ist. Man weiß ja, dass man sich niemals mit dem Kunden trifft, sondern nur eine Dienstleistung per Telefon erfüllt. Wir hatten es also in der Hand, wie wir unsere Gesprächsführung aufbauten. Schon nach wenigen Tagen war ich super eingewöhnt.

Wie geht’s weiter im zweiten Teil des Interviews?

Dieser erste Teil des Interviews befasste sich mit der Frage, wie man zum Job als Telefonistin für Flirten und Telefonsex kommt. Anfangs klingt das alles noch sehr seriös und nach fairen Arbeitsbedingungen für die Telefonistinnen. Im zweiten Teil lesen Sie, wie

  • echte Frauen aus der Leitung gekickt
  • Telefonistinnen geschult
  • gelangweilte Telefonfrauen Männer vergraulen

und ein neuer Markt für Telefonerotik geschaffen wurde, der nur noch nur noch auf Schein und Illusion aufgebaut ist.

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